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Bewusstseinsbildung | VISION QUEST - In der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst | Lisa Biritz

 

Vier Tage und Nächte in der Natur, allein und fastend. Begegnung mit der äußeren – und inneren – Wildnis. Was will ich? Wo stehe ich? Woran glaube ich? Das sind die zentralen Fragen des Lebens, die in einer Visionssuche beantwortet werden.
In den meisten Kulturkreisen existiert eine Art von Visionssuche – auch in Zentraleuropa wurde einst ein solches Ritual praktiziert-, am stärksten lebendig erhalten wurde sie jedoch von den nordamerikanischen Indianern. In dieser Tradition wurde auch die Autorin auf ihre Visionssuche vorbereitet. Sie macht sich auf den Weg, bepackt in ihrem Rucksack nur mit Schlafsack und Wasser. Sie erlebt, wie ihre Nabelschnur zur Zivilisation durchtrennt wird und begegnet in der äußeren Wildnis der Natur, wilden Tieren und fremden Wesen. In ihrer inneren Wildnis lernt sie den Dschungel ihrer Wünsche, Ängste und Selbstzweifel kennen – bis sie schließlich, friedlich und erlöst, auf das mystische Potential der Visionssuche trifft: die Initiation in das Leben.

Es ist kalt. Der Regen fällt nieselnd, wie dünne Fäden. Ich trage alles, was ich an Kleidern dabeihabe: Hosen, Leggings, Socken, Hemden und Pullis. Darüber noch eine Regenhose und -jacke, die Kapuze über meine Stirn gezogen. Trotzdem fließt das Wasser meinen Nasenrücken hinunter und tropft von der Spitze, stetig und wie ein Eiszapfen. Ich hüpfe ein wenig auf der Stelle, um mich aufzuwärmen, reibe meine Hände. Mir fällt ein, dass die Indianer in den Filmen oft für das Wetter gesungen oder getanzt haben, meistens um in Dürrezeiten den Regen herbeizurufen. Jetzt singe ich für die Sonne: „Warme Kraft, komm´ her zu mir” fließt es mir spontan von den Lippen. Ich komme mir etwas blöd vor dabei, aber egal, hier draussen hört mich eh keiner. Ich bin ganz allein. Ich grinse, muß plötzlich über meine Stimme lachen, wie sie da im Wald klingt. Und singe weiter, immer lauter, fange auch an zu tanzen. Wenn mich jetzt jemand sehen würde, völlig absurd. Aber egal, hier kann ich´s wirklich tun. Es fühlt sich gut an, irgendwie befreiend. Die Sonne und Wolken jedoch berührt mein Gesang und Tanz wenig; es regnet weiter.
Wieso um alles in der Welt tue ich mir das an? Habe mich mutterseelenallein für vier Tage und vier Nächte in die Natur begeben – das ganze auch noch fastend - um nach „Visionen” zu suchen - nach dem tieferen Sinn meines Lebens, nach meinen nächsten Schritten, wie es ganz persönlich für mich weitergehen soll. Fragen, wie sie fast jeder irgendwann kennt. Dabei könnte ich jetzt zuhause liegen, warm eingekuschelt im Bett, im Fernsehen ein guter Film, im Mund eine süße Schokolade. Trotzdem, seit ich das erste Mal vor ein paar Jahren von einer Freundin über Visionssuchen hörte, blieb es in meinem Kopf hängen. Sie berichtete mir von den vielen stillen Stunden im Wald, von der Ruhe, die sich auch innerlich einstellt. Und dass es eine uralte indianische Tradition ist, die auch bei uns immer beliebter geworden ist. Irgendwann lernte ich in Deutschland eine Frau kennen, die selbst Visionssuchen anbot und die ihre Ausbildung in Amerika gemacht hatte. Was und wie sie erzählte, ruhig, klar und herzlich, überzeugte mich. Ich beschloß, mich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Mutig habe ich mich gefühlt, als ich in der Früh um sechs mit meinem Rucksack in den Wald gestapft bin durch den feuchten Nebel. Über den satten, grünen Waldboden und schimmerndes Moos, über Baumwurzeln, Pilze und Farn, den Geruch von nasser Erde in der Nase. So ein ähnliches Gefühl, wie als ich damals den ersten Tag in die Schule ging; oder als ich dann von zuhause auszog; oder als ich das erste Mal allein verreiste: Abenteuer, Lebendigkeit, die ganze Welt vor mir – und das Unbekannte. Das macht Angst – und gibt gleichzeitig Kraft. Was wird, allein und ungeschützt, da draußen passieren?

Die wichtigsten Elemente der Visionssuche, erklärte uns Teilnehmern während der Vorbereitungszeit Sylvia Wollwert, unsere Gruppenleiterin, sind das Unbekannte und der Verzicht: auf Nahrung, auf Gesellschaft und auf den Schutz eines Hauses. Ohne Essen, ohne Ablenkung durch Fernsehen, Bücher, Musik und Menschen wird die Natur zum Spiegel unserer Seele, zu einer Herausforderung an unser Selbst. Mit Hilfe der Visionssuche können Menschen die Nabelschnur zur Zivilisation durchtrennen; das alte Ritual führt moderne Menschen zu sich selbst. Sie begeben sich in der Wildnis auf den Weg zu sich selbst und beginnen eine Reise in die innere Wildnis: durch den Dschungel ihrer Wünsche, Ãngste und Selbstzweifel - zu mehr Stärke, Freude und Klarheit.

Es ist noch nicht ganz dunkel, aber ich liege schon in meinem Schlafsack. Darüber habe ich zwei Plastikplanen gespannt, als Wind- und Wetterschutz. Es regnet immer noch, und ich fühle mich warm und kuschelig in den Daunen. Ich döse vor mich hin. Plötzlich: „Kracks”. Irgendetwas bewegt sich gleich vor mir im Unterholz, und es muß ziemlich groß sein; viele Ãste knacksen. Binnen Sekunden beschleunigt sich mein Herz von langsam auf rasend schnell und irgendein Urinstinkt in mir sagt: Rühr´ Dich nicht, beweg´ Dich ja nicht, damit es Dich nicht sehen kann. Ich versuche, vor Aufregung nicht laut zu schnaufen, sondern still zu atmen und lausche angestrengt, was es ist, was da immer näher auf mich zukommt. Es grunzt leise. Jetzt sehe ich es in der Dämmerung auch: ein Wildschwein, und zwar ein ziemlich großes. Die Schnauze zum Boden gestreckt, geht es ein paar Schritte, bleibt stehen, geht wieder weiter. Einen Meter von meiner Seite entfernt bleibt es stehen, wühlt in der Erde umher, grunzt leise. Und geht weiter. Es ist weg.

Mein ganzer Körper entspannt sich, doch mein Herz rast immer noch. Das war knapp, was wäre wohl passiert, wenn es mich entdeckt hätte? Hätte es mich angegriffen? Oder wäre es selbst angsterfüllt davongelaufen? Ich bin völlig aufgeregt, es war einfach unglaublich groß, gleich neben mir – und es war „Medizin”. Das ist im Sprachjargon der Visionssuche etwas, das Einsichten und Visionen bringt, die einem auf der Suche weiterhelfen. Alle Tiere, Pflanzen, das Wetter, Tag- oder Nachtträume können Medizin und Lehrer sein. Tiere jedoch haben eine besondere Kraft, und wenn sie bei Visionssuchen ganz nahe kommen, dann wollen sie einem ihre Kraft und Eigenschaften übermitteln. So wird es gesagt in der Tradition der nordamerikanischen Indianer, und nach deren Tradition sind wir von Sylvia auf die Tage allein im Wald vorbereitet worden.

Die nordamerikanischen Indianer haben die völkerübergreifende Praktik der Visionssuche am stärksten lebendig erhalten. Obwohl die amerikanische Regierung den Indianern bis Mitte der 70er Jahre ihre eigenen Zeremonien verboten hatte, praktizierten sie vor allem der Stamm der Lakota geheim weiter. Seit den 70er Jahren lehrten viele indianische Älteste, darunter Sun Bear, Black Elk und John Fire Lame Deer, ihre Rituale auch an Weiße und Europäer. Visionssuchen werden jedoch nicht nur von den nordamerikanischen Ureinwohnern ausgeübt. Die Beschreibungen von Übergangsriten aus aller Welt füllen längst die Wände der ethnographischen Bibliotheken. Ob die Initianden für eine gewisse Zeit von der Gemeinschaft abgesondert werden, angefangen von drei, vier Tagen wie in Nord- und Südamerika und Indien, über mehrere Monate wie bei den Massai Ostafrikas, den Fiannas im alten Irland, in Neuguinea und beim „Walkabout” der australischen Aborigines, bis hin zu mehreren Jahren wie in Kambodscha; ob sie ohne Licht in Hütten eingeschlossen werden wie bei den Yabin oder den Bukauas, bei den islamischen Sufis oder in Nepal, in Hängematten unter einem Gerüst von Ästen aufgehängt werden wie bei den Chirigano- oder Mascusi-Indianern – immer geht es um die Grenzüberschreitung in die innere und äußere Wildnis.
Bei uns gab es auch Ãhnliches zur indianischen und anderen Visionssuchen. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch, vor allem im Mittelalter während der Inquisition, wurden diese Traditionen verboten und gerieten später im Zuge der Industrialisierung fast völlig in Vergessenheit. Die „Edda”, eine altnordische Liedersammlung, die im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde, beschreibt eine frühere Form der Visionssuche. Die Initiation fand hierbei an der „Weltenesche Yggdrasil” statt. Dieser heilige Baum, eine gewaltige, immergrüne Esche, gliederte für unsere vorchristlichen Vorfahren die Welt. An diesem Baum fand neun Tage und Nächte lang, allein und fastend, die Visionssuche statt. Auch die Tatsache, dass fast alle christlichen Propheten und natürlich auch Jesus allein und fastend in die Wüste gingen und dort ihre göttlichen Eingebungen erhielten, weisen darauf hin, dass die Visionssuche schon sehr lange existiert.

Ich erwarte weder, dass ich göttliche Eingebungen erhalte, noch dass ein brennender Dornbusch zu mir spricht; ich wünsche mir einfach, dass ich ein paar Antworten auf ein paar meiner Fragen bekomme. Doch einmal passiert tatsächlich auch etwas, das ich mir nicht wirklich erklären kann. Ich kann es nur fühlen. Es ist nicht groß und irdisch wie das Wildschwein – das in mir wieder meine ganz persönliche Urkraft geweckt hat, meine Lebensenergie. Es ist auch nicht real wie das laute Kreischen der Kettensäge von den Waldarbeitern, das mich in der Stille der Natur daran erinnert, dass die Welt heute sogar in den entlegensten Winkeln von Industrie und Technik durchsetzt sein kann. Sondern es ist eine „Vision”.
Ich sitze am dritten Tag im Gras neben meinem Schlafplatz, die Sonne strahlt auf meinen Körper, ich geniesse sie nach den ersten zwei verregneten Tagen in vollen Zügen. Und so wie sich die Wolken am Himmel verzogen haben, haben sich auch die Wolken in meinem Kopf aufgelöst: Zwei Tage war mein Inneres voll mit Geschnatter, was ich wem eigentlich noch sagen wollte, was ich erledigen muß wenn ich wieder zurück bin, dass mich mein Freund mit seinem Kommentar neulich ganz schön verletzt hat, dass mich meine Eltern nicht oft genug gelobt haben, als ich ein Kind war – und überhaupt ist alles ganz schrecklich. Ich versinke im Selbstmitleid und Morast meiner Seele. Aber da ich hier, mitten im Wald an meinem Visionssucheplatz, nichts dagegen tun kann, niemand bei dem ich jammern kann, kein Film zur Ablenkung, kapituliere ich irgendwann einfach. Und dann, am dritten Morgen, sind sie weg: der Regen und das Geschnatter. Ich erlebe den Tag mit einer inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, von der mir auch meine Freundin einst erzählt hatte, als sie von ihrer Visionssuche zurückkam. Einfach nichts. Ich sitze da, Stunde um Stunde, schaue mir die Insekten an, die durch das Gras krabbeln, Schmetterlinge, die zu den Blumen fliegen, und die Buzarde, die weit oben im Himmel über meinem Kopf wie kleine Punkte kreisen. Hin und wieder kommt ein Gedanke, ob ich denn vielleicht wegen des Fastens so gemütlich, entspannt und langsam bin, - und zieht dann gleich wieder von dannen.
Ich blicke wieder auf einen schwarzblau schimmernden Käfer, der vor mir durch das Gras wandert. Und plötzlich, in meinem Augenwinkel bewegt sich etwas. Ich schaue hinüber und sehe ein Figur. Sie schimmert, ist eindeutig nicht von dieser Welt. Alles passiert sehr langsam und gleichzeitig sehr schnell. Es ist ein alter Indianer in voller Montur, langsam geht er an mir vorbei, fast denselben Weg wie das Wildschwein, bloß dass diesmal keine Äste knacksen. Ich habe auch keine Angst, obwohl mein Herz schon etwas schneller schlägt. Er lächelt mich an und redet mit mir, ohne zu sprechen. Meine gesamte Umgebung fängt an zu leuchten, und ich verstehe plötzlich. Ein Verstehen, das ich mit Worten nur versuchen kann zu beschreiben. Ein Moment, in dem alles Sinn macht, alles Sein, auch mein Sein in diesem Zeitalter auf der Erde. Ein Gefühl, das auch meine Freundin auf ihrer Visionssuche erlebt hat, und von dem auch die anderen berichten, nachdem sie wie ich von den vier Tagen und Nächten allein und fastend in der Natur zurückkehren. Die Inititation. Das Gefühl, dass alles eins ist, ein pulsierendes, waberndes Etwas, reine Energie. Verbunden mit einem Gefühl tiefster Liebe und Dankbarkeit.

Woher kam der Indianer? War er, nach den Tagen allein und fastend, wissenschaftlich betrachtet, in meinem Gehirn eine Übertragung meines Unterbewußtseins in ein Symbol – also in die Gestalt eines Indianers - dass mein Bewußtsein akzeptieren und verstehen konnte? Oder war da wirklich etwas anderes? Vielleicht habe ich ihn mir nur eingebildet? Ich weiß es nicht, und es ist für mich auch nicht wichtig. Er hat mich daran erinnert, dass es so vieles gibt, was ich nie verstehen werde. Dass die ganze Welt, obwohl ich sie eingebettet habe in die sichere Struktur meines Terminkalenders, dennoch ein Mysterium ist, woher wir kommen, weshalb wir eigentlich da sind, und wohin wir gehen, wenn alles vorbei ist.
Am letzten Abend lege ich mich nicht in meinen Schlafsack zum Schlafen. Sondern ich sitze die ganze Nacht wach und blicke in den Himmel, in die Sterne. Da oben, die Milchstraße, sie setzt alles wieder ins richtige Verhältnis. Es ist schon wichtig, die Rechnungen pünktlich zu bezahlen, meinem Freund und auch anderen mal die Meinung zu sagen, politisch im Bilde zu sein und zu wählen – aber wichtig ist auch, für meine Familie und Freunde und andere Menschen da zu sein, für mich da zu sein, einfach nur dazusitzen und zu sein, den Mond und die Sterne anzuschauen, die Buzarde und die kleine Waldmaus, die mich jeden Tag besucht hat, und den Mut zu haben, auch mal etwas Verrücktes zu machen, lebendig zu sein.
Ich weiß, dass ich, wenn ich zurückkomme, ein paar neue Pläne und Ideen verwirklichen werde, die mir in den letzten Tagen gekommen sind: darunter ein neues berufliches Projekt und ein klärendes Gespräch mit meinem Freund. Darunter aber auch eine Wanderung, die ich schon immer mal mit meiner Mutter machen wollte; ein köstliches Steinpilz-Ragout mit Butter und Pinienkernen, das mir in den Tagen des Fastens plötzlich als Rezept-Vision erschienen ist; und eine Reise zu meinem nächsten Abenteuer, den Walen und Delphinen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Lisa Biritz

 

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