*
Menu
social_bootmark
 
Allgemein : Plädoyer der Liebe von Eva Szlezak
01.05.2011 00:05 (908 x gelesen)



Verstand: „Sie sind angeklagt Schmerz, Krieg und Verderben über die Welt zu bringen. Die Geschichte zeigt, dass im Namen der Liebe viel zu viel gemordet, gelitten und bestraft wurde. Was haben sie zu ihrer Verteidigung vorzubringen?“
 
Liebe: „Welche Definition von Liebe meinen sie hier?“
 
Verstand: „Was ist denn das für eine Frage? Natürlich die Liebe, so wie sie alle kennen – ich bin dein, und du bist mein, und bis der Tod uns scheidet, und wenn du mich wirklich liebst, dann musst du so und so sein und dies und jenes tun etc. etc.“
 
Liebe: „Aha!“
 
Verstand: „Aha, aha – was heißt aha? Sie wollen doch nicht etwa leugnen, dass viele Kriege aufgrund der Liebe zu einer Frau geführt wurden, dass Kriege im Namen der Liebe zu Gott geführt wurden, aus Liebe zu Herkunft, Vaterland und Rasse?“
 
Liebe: „Ach ja?“
 
Verstand: „Was soll denn das jetzt wieder? Die Geschichtsbücher sind voll davon, das können sie doch nicht leugnen!“
 
Liebe: „Nein!“
 
Verstand: „Was nein? Das ist alles, was sie zu sagen haben?“
 
Liebe: „Nein!“
 
Verstand: „Das gibt es doch nicht! Jetzt äußern sie sich doch endlich, wollen sie sich denn nicht verteidigen?“
 
Liebe: „Wofür?“
 
Verstand: „Na gegen die Vorwürfe, dass sie nur Schmerz, Hass, Angst, Verzweiflung, Mord, Selbstmord, Kriege, Unglück usw. usw. über die Welt bringen!“
 
Liebe: „Nein!“
 
Verstand an den Richter gewandt: „Euer Ehren, so kann ich keine Anklage führen. Dies ist eine Gerichtsverhandlung und kein Monolog. Halten sie doch bitte die Angeklagte dazu an, konkrete Sätze zu formulieren.“
 
Richter: „Angeklagte, ich bitte sie, beantworten sie die Fragen des Anklägers in klaren Sätzen.“
 
Die Liebe schweigt und senkt den Kopf!
 
Ein kleines Kind, das der Verhandlung beiwohnt, meldet sich zu Wort.
 
Kind: „Herr Richter?“
 
Richter: „Wer stört hier die Verhandlung?“
 
Kind: „Ich!“
 
Richter: „Wer ist ich?“
 
Das Kind tritt aus den Sitzbankreihen hervor, stellt sich in den Gang und sagt:
„Ich würde gerne aussagen!“
 
Verstand: „Unmöglich – so etwas hatten wir ja noch nie! Euer Ehren, ich bitte sie, bringen sie dieses Kind zur raison.“
 
Richter: „No, no – wir leben immer noch in einem freien Land. (zum Kind gewandt) Komm' doch bitte näher und sage uns, was du sagen möchtest.“
 
Das Kind geht langsam und ein wenig verschüchtert in Richtung Richterpult und flüstert dann zur Liebe gerichtet: „Ich bin froh, dass es dich gibt und es ist gut, dass du dich nicht gerechtfertigt hast, denn so etwas Schönes wie du muss sich nicht verteidigen...
 
Der Verstand greift vehement ein: „Also bitte, das darf doch nicht wahr sein – Euer Ehren –beenden sie doch bitte diese Heuchelei.“
 
Richter: „Beruhigen sie sich, dies ist mein Gerichtssaal, dieses Kind hat das Recht seine Aussage frei zu äußern. (zum Kind gewandt) Sprich nur weiter, alles ist gut.“
 
Der Verstand lässt mit viel Selbstbeherrschung diesen Tadel über sich ergehen, und versucht sich in den Griff zu bekommen – leise brummelt er ein paar Flüche vor sich hin, setzt sich dann aber auf seinen Platz.
 
Das Kind, ein wenig verunsichert, wendet sich nun an alle Menschen im Saal und setzt fort:
„Ich weiß noch nichts über Geschichtsbücher und die Vergangenheit, die darin geschrieben steht. Ich kann mir aber gar nicht vorstellen, dass die Liebe an all' dem Bösen Schuld sein soll! Liebe kommt aus meinem Bauch, sie löst Freude in mir aus, sie leuchtet, bringt mich zum Lachen, sie ist für alle da:
 
Wenn meine Mami mich in der Früh umarmend und zärtlich aufweckt, ist sie da,
wenn ich unseren Kater streichle ist sie da,
wenn Frau Roth von gegenüber mir lächelnd winkt ist sie da,
wenn meine Freundin Marie mir ihre Buntstifte borgt ist sie da,
wenn unsere Lehrerin uns liebevoll tadelt oder lobt ist sie da,
wenn ich keuchend in den Bus springe, weil der Busfahrer auf mich gewartet hat ist sie da,
wenn ich meine kleine Schwester vor Freude quiekend durchs Wohnzimmer krabbeln sehe ist sie da,
selbst jetzt – in diesem Raum – in den Augen vieler Menschen ist sie da...
 
Betretenes Schweigen im ganzen Saal, selbst der Verstand muss mal kurz schlucken, bis er natürlich von Neuem nachhaken muss: „Tja, und wie erklärst du dir dann all' das Elend im Namen der Liebe?“
 
Das Kind beginnt zu weinen und zu schluchzen: „Ich weiß es nicht!“ Es zittert am ganzen Körper und fühlt sich einsam und allein gelassen. Die Liebe erhebt sich, gleitet die Stufen hinunter zu dem Kind und nimmt es vorsichtig in die Arme. Sie hebt das Kind hoch und lässt es auf ihren Schoß sinken. Zärtlich wischt sie dem kleinen Wesen die Tränen von den Wangen, sieht ihm in die Augen und spricht mit Sanftmut in ihrer unvergleichlichen Art und Weise: „Ich danke dir von ganzem Herzen kleiner Liebling, dass du an mich glaubst, mich in so vielen Dingen siehst und versucht hast mir zu helfen, du bist einfach wundervoll!“
 
Es ist ganz ruhig im Saal, selbst der Verstand muss ob der unvergleichlichen Einzigartigkeit und Unendlichkeit dieser Liebesgeste innehalten.
 
In der Stille des Augenblicks sind sich alle einig, keiner hat mehr den geringsten Zweifel daran, dass die Liebe einfach nur weil sie IST diesen Einklang bewirken konnte.
 
Die Verhandlung wird vertagt!
 
 
© Eva Szlezak, Oktober 2007
 


Zurück Druckoptimierte Version Diesen Artikel weiterempfehlen... Druckoptimierte Version
team-member-werbung
Benutzername:

Passwort:

Login automatisch

Passwort vergessen?

Find us on Google+
Hier könnte Ihre
Werbung stehen!

dottergelb - PR 2.0 für Fashion, Design, Lifestyle, Kultur, Wellness & Co.
www.bamboo-spirit.at/Werbung
Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail